Und dann - mitten in diesem ganzen Austauschtrubel – denkt man dann doch wieder voller Wehmut zurück an den ein oder anderen Badeurlaub im guten alten Europa; wie wär’ das schön - Sommer, Strand, feinster House und ein wohlschmeckender Sangría…

               

Halt, jetzt denken wir nochmal ganz scharf nach?! Dem aufmerksamen Leser wird aufgefallen sein, dass Singapur ja dann doch ganz gut ist im Imitieren. So auch diesmal: da gibt es doch glatt eine kleine Insel, ein paar hundert Meter entfernt von dem Festland; und der arme, völlig überarbeitete und übermüdete Austauschstudent kann dort endlich mal entspannen (war ja wohl auch mal nötig, oder?). Darauf findet sich dann alles, was das Herz begehrt: Beach-Club, Golfplatz, Tenniscourt, Sandstrand, Meer…

Den aus meiner Sicht vorzeitige Höhepunkt unseres Aufenthalts in Asien bildete unser verlängertes-Wochenende-Trip nach Kambodscha. Ursprünglich als „Trostpflaster“ für den eigentlich geplanten Ausflug nach Vietnam betrachtet, stellte sich schnell heraus, dass dies keine gewöhnliche Reise sein wird.

Das Paradoxe gleich vorweg: obwohl etliche tausend Kilometer von der Heimat entfernt, bleibt man vor den reisefrohen Deutschen ja nirgends verschont (nein, ich bin noch nicht zum Schweizer bekehrt!). So auch diesmal – aufgepasst: im Flugzeug trafen wir einen Max, der in Bozen studiert und dort eine Freundin von meinem WG-Kollegen Christian kennt; Max war auf dem Weg zu Freunden seiner Austauschuniversität in Singapur, die wiederum an der European Business School in Deutschland studieren und ihrerseits Freunde von meinem ehemaligen Abi-Kompanen Julian Artopé sind, den ich zufälligerweise am Flughafen in Dubai getroffen habe und der seinerseits Austausch in Seoul macht. Verwirrt? Lirum Larum, Aussage ist einfach, wie klein die Welt doch mal wieder ist…

   

Das Land bietet eine so unglaubliche Fülle interessanter Facetten, dass es schwer fällt diese alle zu Papier zu bringen und angemessen zu beschreiben – ich probiere es trotzdem einmal: angekommen in der Hauptstadt Phnom Penh ließen wir uns zunächst von einem Tuk-Tuk (eine Art motorisierte Rikscha) durch die Gegend kutschieren und sind an etlichen verwahrlosten Stellen vorbeigekommen. Ziel waren die Killing Fields, die zur Zeit der Khmer Rouge ein Schauplatz abscheulicher Gewaltverbrechen am eigenen Volk waren; für alles Weitere sei an dieser Stelle auf die Geschichtsbücher verwiesen.

         

Weiter ging die Reise am nächsten Tag per Bus nach Siem Reap, die bereits an sich den Trip lohnenswert gemacht hat: die siebenstündige Fahrt wirkte auf mich wie ein Dokumentarfilm über eines der ärmsten Länder der Welt, der gleichermaßen beeindruckte und faszinierte und zudem ein ganz anderes Licht auf den eigenen Lebensstandard warf. Dort angekommen begaben wir uns in die Tempelanlangen Angkor Wats, das – es wird allseits bekannt sein – damals als Schauplatz für den Film „Tomb Raider“ diente. Hier sei am besten auf die Bilder verwiesen. Fazit: beeindruckender als Las Vegas und interessanter als New York.

   

Na dann kommen wir doch mal zum „Wesentlichen“: die Universität. Hier bleiben eigentlich überhaupt keine Wünsche offen. Vor ein paar Jahren völlig neu errichtet, findet sich zwischen Financial District und Innenstadt ein großzügiger und hochmoderner Campus mit sämtlichen Einrichtungen zur Verbesserung der Lerneffizienz.

In der Tat ist die Ausstattung vergleichbar mit einem Hotel der gehobenen Preisklasse: es finden sich ein Fitness-Center, Musikstudio, Sauna und Swimming-Pool sowie mit allen technischen Finessen gespickte Seminarräume. Die insgesamt fünf Universitätsgebäude, die selbst nur durch ein Badge betretbar sind (wir erinnern uns: Sicherheit wird in Singapur groß geschrieben), sind mit einem unterirdischen Gang verbunden und bieten Platz für etliche Food-Corners, Shops und solch nützlichen Einrichtungen wie Reisebüro und Schreibwarengeschäft – manchmal ertappe ich mich dabei, die Tafel mit den Abflugszeiten zu suchen, ein erkennbarer Unterschied zu einem handelsüblichen Flughafen besteht meines Achtens nicht wirklich. Ganz nett: verschiedene Chillout- und Relaxing-Areas laden zum gemütlichen X-Box-Gamen ein, wobei ich zugegebenermaßen längst den Anschluss zu der in dieser Hinsicht „fleißigeren“ Konkurrenz verloren habe; Kicker, Billiard sowie orientalische Sitz- und Kuschelecken runden das Angebot ab.

   

Ein regelrechter Witz ist dafür die Bibliothek. Die Anzahl der zur Verfügung stehenden Bücher lässt sich an einer Hand abzählen, was die wissenschaftliche Recherche für unsere Gruppenarbeiten leider „etwas“ einschränkt. Dafür hat diese Einrichtung aber einen ganz anderen Zweck: jugendlicher Szene-Treff. Entweder man “meetet“ sich gemütlich auf einen Café (wird ja immer als Gruppentreffen bezeichnet), chattet mit einem seiner 400 MSN-Kontakte oder brüllt sein Chingchangchong in’s Handy – Geräuschkulisse wie auf einem chinesischen Viehmarkt!

Zu den hiesigen Studenten kann man sich irgendwie kein rechtes Bild machen. Zwar wirken sie auf den ersten Blick recht fleißig und strebsam, doch zeigt sich bei intensiveres Gruppenarbeiten eine ganz andere Seite: die „Locals“ tragen eine Unmenge an Informationen zusammen, die zum größten Teil aus Google stammen und bezogen auf das Projektthema eine recht niedrige Relevanzstufe aufweisen – sie schießen quasi mit Kanonen auf Spatzen. Dennoch sind hier viele ausgesprochen hilfsbereits und symathisch und nach einer kurzen Eingewöhnungsphase kommen auch recht konstruktive Ergebnisse zustande.

Ja, und auch wir haben hier ganz gut zu tun. Nix mit chilliger St. Galler Mentalität nach dem Motto „komm’ die Prüfungen sind noch lange hin“ – nein, hier gibt es Anwesenheitspflicht zu den Kursen und Unterrichtsbeitragsnoten… na, klingelt’s? Jep, genau wie in der Schule! Unsere Freizeit wird dann „bereichert“ duch verschiedenste Tempelbesuche, Gruppentreffen, Präsentationsvorbereitungen und Integrationsseminare; das meiste ist dann aber doch recht interessant.

Na das war mal was – auf Wohnungssuche in Singapur… mit der Erwartungshaltung „mal eben kurz den ein oder anderen Agenten kontaktieren, dann findet sich schon etwas Schnuckliges“ die Wohnungssuche gestartet, wich die Euphorie mehr und mehr der Ernüchterung; kaum jemand erklärte sich bereit, für die benötigten drei Monate ihr geliebtes Apartment an drei chaotische Studenten aus St. Gallen zu überlassen – an dieser Stelle möchte ich übrigens die Gelegenheit am Schopfe packen und meine beiden Mitbewohner Christian L. und Phillip S. herzlichen grüssen, die mich tierisch nerven und trotzdem klasse sind.

   

Nun gut, nach der Besichtigung etlicher nicht in Frage kommender Wohnungen und kurz vor der Kapitulation wurden wir schliesslich mit einem recht zentral gelegenen, fast schon luxuriös ausgestattetem und wunderschönem Condominium belohnt – gut Ding will eben Weile haben.

Die Erwartungen an diese Metropole Südostasiens waren natürlich gewaltig – in Europa wird Singapur mit den Attributen modern, weltoffen und dynamisch assoziiert: als “Asia-Light” soll es einen vortrefflichen Einstieg in die Welt der Reisschüsseln bieten.

Nunja, grundsätzlich stimmt das schon. Um sich hier jedoch nicht in einer weiteren Lobhymne auf seine Austauschstadt zu verlieren, möchte ich zunächst ein paar Negativaspekte anbringen, die sich im Zusammenhang mit Singapur aufdrängen: als Insel-Stadt-Staat und ehemalige britische Kronkolonie fehlt es spürbar an “eigener” Kultur; während Europa diese über mehrere Jahrtausende entwickeln und reifen lassen konnte, hatte diese recht junge Stadt lediglich ein paar Jahrhunderte – dies schlägt sich insbesondere in dem spärlichen Angebot an Museen, Theatern und Opern und einer fehlenden eigenen Sprache nieder. Letzteres wird künstlich imitiert durch eine Mischung aus Englisch, Chinesisch und lokalen Akzenten – das so genannte “Singlisch”; immerhin ist dadurch einwandfreie Kommunikation selbst mit der McDonald’s-Aushilfskraft sichergestellt.

   

An jeder Ecke finden sich Shopping-Malls, Freizeitzentren und Food-Corners; die Herausforderung an die eigenen intellektuellen Fähigkeiten lässt hierbei natürlich etwas zu wünschen übrig. Auch die romantische Vorstellung, die der Reiz an Neuem in sich trägt, führt hier leider in’s Leere: Globalisierung ist durchweg spürbar, alles was ich hier bekomme, kann ich genauso gut im XY-Markt in Hinterdupfing erstehen – mal abgesehen von Prada & Gucci, dafür müsste man dann schon mal kurz auf die Maximilianstrasse…

Insgesamt drängt sich der Vergleich mit einer Retortenstadt auf, die nicht wirklich reifen konnte – Singapur gleicht einem Sammelsurium europäischer, amerikanischer und asiatischer Einflüsse; deutlich wird dies unter anderem in der Architektur. Kein Vergleich jedoch mit dem post-urbanen, an pervertierter Künstlichkeit nicht mehr zu übertreffendem Dubai.

                

Doch genug der kritischen Äußerungen, im Grossen und Ganzen hat die Stadt eine Menge zu bieten: verschiedene ethnische Gruppen haben – ganz nach amerikanischem Vorbild – eigene Subzentren errichtet und mit so wohlklingenden Namen wie „Little India“ oder „Chinatown“ versehen. Hier kommt die oben bemängelte kulturelle Einzigartigkeit voll zur Geltung und man entdeckt an jeder Straßenecke Neues kennen, auch wenn es nur kulinarischer Art ist.

Die Spiele mögen beginnen…

Dienstag, 26. September 2006

… schon in der Bibel stand, die Letzten werden die Ersten sein – so ist es nun endlich soweit, auch ich konnte mich trotz technischer Hürden und logistischer Problemchen dazu durchringen, dem Trend der Zeit zu folgen und ein Internettagebuch erstellen. Als Ausrede möchte ich übrigens anbringen, dass man ja wohl schlecht über ein Land in seinem gesamten Facettenreichtum berichten kann, wenn man noch nicht genug Möglichkeiten hatte, Eindrücke zu sammeln… ok, ein Versuch war’s wert. Um noch eines vorwegzunehmen: an der grundsätzlichen Meinung, das Austauschsemester sei eine ausgesprochen interessante und lustige Zeit, ist definitiv etwas Wahres dran! Und nun wünsche ich Euch allen gute Unterhaltung!